Klinik, Typologie, Klassifikation und Komorbiditäten der Alkoholabgängigkeit

Klinik: Wichtig hierbei ist, die Alkoholabhängigkeit in einem frühen Stadium zu erkennen, um Folgeschäden zu vermeiden.

I: Körperliche Symptome:

→ 1) Herz-Kreislauf-System: Arterielle Hypertonie, Herzrhythmusstörungen, KHK, Kardiomyopathie, etc.

 → 2) Haut: Konjunktivitis, Rötung der Gesichtshaut mit Ausbildung von Spider naevi,Teleangiektasien, Rosacea, Rhinophym, Palmar- und Plantarerythem. 

3) Muskulatur: Exogen-toxische Myopathie mit u.a. Atrophie der Skelettmuskulatur, gerade im Bereich der Waden.

4) Gastrointestinal: Inappetenz, Übelkeit, Erbrechen, Gastritis, Ausbildung eines Ulcus ventriculi und/oder Ulcus duodeni.

→ 5) Prankreas: Akute - und chronische Pankreatitis

→ 6) Mangelerscheinungen: Mangel an Kupfer, Zink, Selen, Eisen, Vitamin A,- B1,- B3, -B6, -B12, Folsäure etc. 

7) Leber: Zeichen einer Fettleber, portalen Hypertonie mit Ausbildung von Hämorrhoiden, dem Caput medusae, einer Hepatitis und Leberzirrhose.

8) Hormonell: Ausbildung einer Gynäkomastie, Bauchklatze, Amenorrhoe sowie Libido- und Potenzstörungen.

9) Weitere Symptome: Reduzierter Allgemeinzustand, Gewichtsabnahme, vermehrte Schweißneigung, Schlafstörungen, etc.

→ II: Psychische Symptome: Sind u.a.:  

→ 1) Depressive Grundstimmung,

→ 2) Wechsel zwischen Unterwürfigkeit und Aggressivität je nach Alkoholspiegel,

→ 3) Vernachlässigung eigener Interessen,

→ 4) Angstsymptomatik, meist soziale Phobie.

→ 5) Persönlichkeitszerfall, sozialer Abstieg bis hin zur Kriminalität.

III: Neuropsychiatrische Symptome:

→ 1) Sind beinbetonte Polyneuropathie, Ataxie, Groß- und Kleinhirnatrophie, Krampfanfälle, hepatische Enzephalopathie, Wernicke Enzephalopathie, zentrale pontine Myelinolyse, Marchiafava-Bignami-Syndrom (Entmarkungsherde des Corpus callosum = Balken).

2) Organische Psychosyndrome: Hierunter fallen Alkoholrausch, Delirium tremens, Alkoholhalluzinose und das Korsakow-Syndrom (amnestisches Syndrom). 

 

Typologie: (der Alkoholabhängigkeit) Bei der Alkoholabhängigkeit haben sich zwei Klassifizierungen etabliert:

→ I: Einteilung nach Jellinek;

→ II: Einteilung nach Cloninger.

I: Einteilung nach Jellinek: Es werden 5 verschiedene Typen der Alkoholabhängigkeit unterschieden: 

→ 1) Alpha-Typ: Ist der Konflikttrinker, hat keinen Kontrollverlust auf und besitzt die Fähigkeit zur Abstinenz. Es besteht ausschließliche ein psychische Abhängigkeit. Die Häufigkeit liegt bei 5%.

→ 2) Beta-Typ: Ist ein Gelegenheitstrinker, es herrscht kein Kontrollverlust, die Fähigkeit zur Abstinenz existiert und es besteht keine Abhängigkeit. Die Häufigkeit liegt bei ca. 5%.

→ 3) Gamma-Trinker: Ist der süchtige Trinker, hierbei besteht ein Kontrollverlust, aber auch eine zeitweilige Fähigkeit zur Abstinenz. Initial zeigt sich eine psychische - , später dann auch eine physische Abhängigkeit. Ist mit 65% der Fälle die häufigste Form.

4) Delta-Trinker: Dies ist eine Gewohnheitstrinker (= Pegeltrinker), verliert die Fähigkeit zur Abstinenz, vielmehr besteht ein rauscharmer kontinuierlicher Konsum; charakteristischerweise zeigt sich kein Kontrollverlust und es manifestiert sich eine physische Abhängigkeit; die Häufigkeit liegt bei 20%.

5) Epsilon-Typ: Ist der episodische Trinker, es kommt zu mehrtägigen Alkoholexzessen mit Kontrollverlust. Es besteht eine psychische Abhängigkeit; die Häufigkeit liegt bei 5%.

588 Typisierung der Alkoholabhängigkeit nach Jellinek

 

Klinisch-relevant: Im weiteren Sinne sind nur der Gamma- und Delta-Typ alkoholabhängig, die anderen Typen stellen Vorstufen dar.

 

II: Einteilung nach Cloninger: Hierbei unterscheidet man zwischen einem Typ-I- und einem Typ-II-Alkoholiker:

1) Typ-I-Alkoholiker: Weist einen späten, langsamen Krankheitsbeginn auf und eine geringe familiäre Disposition. Es besteht keine Geschlechterprävalenz. Häufig handelt es sich um eine Belohnungsabhängigkeit mit guter sozialer Integrität. Die Prognose ist gut.

2) Typ-II-Alkoholiker: Hierbei manfestiert sich ein früher exzessiver Beginn, zumeist vor dem 25. Lebensjahr. Es besteht eine hohe familiäre Disposition und betrifft überwiegend Männer. Zumeist zeigt sich eine dissoziale oder emotional-instabile Persönlichkeitsstruktur. Die Prognose ist schlecht.

587 Typologie der Alkoholabhängigkeit

 

→ Komorbiditäten: Häufig ist die Alkoholabhängigkeit mit weiteren psychischen Störungen vergesellschaftet. Hierzu zählen:

→ I: Persönlichkeitsstörungen, vor allem die antisoziale PS und Borderline-PS.

 II: Depression,

→ III: Angststörungen vor allem die soziale Phobie oder Panikstörung,

→ IV: Polytoxikomanie,

 V: Therapieversuch der Schizophrenie durch den Patienten, sowie 

→ VI: Zwangsstörungen.

 

Klinisch relevant: Der Blutalkoholgehalt in Promille wird über die Alkoholmenge in Gramm bestimmt. Es werden einige Beispiele angeführt:

→ A) Beispiele:

→ 1) Bier: 5% Alkoholgehalt, bei einer Menge von 0,2l entspricht das einer Alkoholmenge von 8g.

→ 2) Wein/Sekt: Alkoholgehalt von 10%, bei einer Menge von 0,1l entspricht einer Alkoholmenge von 8g.

→ 3) Whisky: Hat eine Alkoholgehalt von 50%, bei einer Menge von 2 cl entspricht dies einer Alkoholmenge von 8%.

→ B) Aus der Angabe der konsumierten Alkoholmenge in g und des Körpergewichtes lässt sich der Alkoholgehalt (Promille) im Blut bestimmen. 

C) Dies wird über die Widmark-Formel berechnet: 

581 Berechnung des Alkoholgehalts im Blut

D) Es muss dabei beachtet werden, dass seit Trinkbeginn pro Stunde 0,1-0,2 Promille abgerechnet werden müssen.

E) Der tägliche Alkoholkonsum bei Männern von 60g (1,5l Bier) bzw. 20g (0,5l Bier) bei Frauen und kann über die Zeit zu einer Leberzirrhose führen.

 

Klassifikation: Des Schweregrades des Alkoholrausches anhand der Blutalkoholkonzentration in Promille:

I: Leichter Alkoholrausch: (0,5-1,5 Promille): Zeichnet sich durch gehobene Stimmung, vermehrten Antrieb mit Rede- und Tatendrang, Abbau von Ängsten und Hemmungen, gestörte Psychomotorik mit verminderter Konzentrationsfähigkeit und Urteilsfähigkeit aus.

II: Mittelschwerer Alkoholrausch: (1,5-2,5 Promille): Hierbei findet man unter anderem Euphorie oder Aggressivität, Explosivität und verminderte Kritikfähigkeit.

III: Schwerer Alkoholrausch: (2,5-3,5 Promille): Charakteristische Symptome sind Bewusstseinsstörungen, Desorientierung, Schwindel, Ataxie und Dysarthrie (= Sprachstörungen).

IV: Lebensgefahr: Diese besteht bei einer Blutalkoholkonzentration von > 3,5 Promille mit der Gefahr der Lähmung des Atemzentrums.

589 Stadien der Alkoholintoxikation

 

Klinisch-relevant: Bei einer Blutalkoholkonzentration von 5 Promille versterben 50% der Patienten, infolge einer zentralnervösen Dämpfung mit schwerer Atemdepression oder Aspiration von Erbrochenem.

 

Sonderformen: (des Rausches) Hierunter fallen insbesondere:

I: Komplizierter Rausch: Dieser unterscheidet sich vom einfachen Rausch quantitativ. Typischerweise manifestiert sich eine verstärkte Intensität der Symptomatik; so sind Erregungszustände, affektive Labilität, Überreaktion auf Reize, Situationsverkennung und weitere Bewusstseinsstörungen charakteristisch. Der komplizierte Rausch tritt vorwiegend bei Patienten mit zerebralen Vorschädigungen auf.

II: Pathologische Rausch: Er unterscheidet sich vom einfachen Rausch qualitativ. Es handelt sich um eine seltene Form des Alkoholrausches und ist durch Symptome, wie Situationsverkennung, Halluzinationen und Desorientiertheit charakterisiert. Der pathologische Rausch kann auch als alkoholbedingte symptomatische Psychose (Dämmerzustand) angesehen werden. 

→ 1) Ätiologie: Sehr selten; tritt meist organischer Hirnschädigung mit geringer Alkoholtoleranz auf.

→ 2) Ursachen: Sind vor allem chronisches Stadium der Alkoholabhängigkeit, Epilepsie, Schädel-Hirn-Trauma und nicht zuletzt Hepatopathie (nicht-alkoholbedingt).

→ 3) Klinik:

710 Klinische Symptome des pathologischen Rausches