Abhängigkeiten: Allgemeine Defintionen

Definition:

→ I: Missbrauch/schädlicher Gebrauch: Von einem Substanzmissbrauch (= Abusus) spricht man, wenn es durch den Konsum einer Substanz zu physischen (Hepatitis durch i.v. Injektion) oder psychischen (Depression durch vermehrten Alkoholkonsum) Schädigungen bzw. Problematiken kommt. 

II: Abhängigkeit: Die Abhängigkeit besteht, wenn innerhalb eines Jahres mindestens 3 der folgenden Diagnosekritierien vorhanden sind. Die 3 wichtigsten Kriterien sind: 

→ 1) Der Kontrollverlust,

→ 2) Die Toleranzentwicklung (liegt vor, wenn die Dosis gesteigert werden muss, um den erwünschten Effekt weiterhin zu erreichen) und 

→ 3) Die Ausbildung von Entzugssymptomen.

→ III: Bei der Entstehung der Substanzabhängigkeit spielt nach Täschner eine Reihe von Faktoren eine wesentliche Rolle:

631 Wichtige Faktoren für die Genese der Substanzabhängigkeit

 

 Diagnosekriterien: Allgemeine Diagnosekriterien des Abhängigkeitssyndroms nach ICD-10: Innerhalb eines Jahres müssen mindestens > 3 der folgenden Diagnosekriterien zutreffen, um von einer Abhängigkeit zu sprechen. 

I: Starker Wunsch bzw. Zwang, psychotrope Substanzen zu konsumieren; dies wird als "Craving" bezeichnet.

II: Verlust der Kontrollfähigkeit über Beginn, Beendigung und konsumierter Menge.

III: Toleranzentwicklung (höherer Substanzkonsum ist nötig, um die gleiche Wirkungen zu erzielen).

IV: Vernachlässigung der Interessen und Hobbys zugunsten der zu konsumierenden Substanz sowie vermehrter Zeitaufwand zur Substanzbeschaffung.

V: Auftreten von körperlichen Entzugssymptomen bei Beendigung bzw. Reduktion des Konsums.

VI: Persistierender Substanzkonsum trotz des Nachweises schädlicher psychischer sowie physischer und sozialer Folgen.

630 WIchtige Definitionen der Suchterkrankungen

 

Klinisch-relevant: Weitere Definitionen der Suchterkrankungen:

→ I: Drogen: Unter Drogen versteht man Substanzen, die ihre Wirkung im Bereich des ZNS entwickeln, also psychotrop sind.

II: Suchtpotenzial: Beschreibt die im unterschiedlichen Maße bestehenden Fähigkeiten von Substanzen, eine Abhängigkeit zu entwickeln. Das Suchtpotenzial ist um so größer, je mehr Menschen davon abhängig sind und je schneller sich eine Abhängigkeit entwickelt.

III: Psychische Abhängigkeit: Hierunter versteht man das unwiderstehliche, gierige Verlangen, eine Droge oder Alkohol zu konsumieren (= Craving) bzw. die Einnahme fortzuführen (psychische Abhängigkeit besteht praktisch bei allen Prägnanztypen). Das Craving wiederum wird unterteilt in:

1) Reward-Craving: Es ist gekennzeichnet durch einen positiven Effekte, der einen positiven Verstärker darstellt.

2) Relief-Craving: Hierbei werden durch den Konsum der Substanz die negativen Verstärker, wie z.B. die Entzugssymptome, unterdrückt.

IV: Körperliche Abhängigkeit: (= Gewöhnung) Bezeichnet die Entwicklung des Körpers gegenüber psychotropen Substanzen eine Toleranz zu entwickeln. In der Folge muss eine permanente Substitution der Substanz zur Unterdrückung der Entzugssymptome erfolgen. Sie findet man insbesondere bei der Alkohol-, Benzodiazepin- und Opiatabhängigkeit.

V: Toleranzentwicklung: Beschreibt die Abnahme einer Substanzwirkung bei wiederholter Zufuhr. Dem Wirkungsverlust wird häufig mit einer erhöhten Zufuhr begegnet. Ursache hierfür sind v.a.:

→ 1) Eine verminderter Sensitivität der Rezeptoren am Wirkort,

→ 2) Eine verlangsamte Resorption der Substanz im Darm bzw. Gewebe,

→ 3) Einen schnelleren enzymatischen Abbau in der Leber.

Der Betroffene muss eine größere Menge der Substanz substituieren, um den gleichen Effekt wie vor der Toleranzentwicklung zu erreichen. Dies geht mit einer Dosissteigerung (Steigerung der Einzeldosis bzw. der Einnahmefrequenz mit konsekutiver Erhöhung der Gesamtdosis) einher.

VI: Polytoxikomanie: Beschreibt den multiplen Substanzmissbrauch.

1) Definition: Der Betroffene weist über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten die Einnahme von 3 psychotropen Substanzen auf, wobei keine dieser stark dominiert.

2) Ätiologie: Ursache kann sein:

→ A) Die wechselnde Verfügbarkeit der Droge;

→ B) Dient der Unterdrückung der Nebenwirkungen bzw. Entzugserscheinungen einer Substanz.

3) Beispiel: Psychostimulanzien führen zu Schlafstörungen, die wiederum mittels Hypnotika behandelt werden.

 

Klassifikation:

→ I: Stoffgebundene Abhängigkeit: Hierbei entsteht eine Abhängigkeit gegenüber psychotropen Substanzen wie Alkohol, Cannabinoiden, Opiaten, Kokain, Halluzinogenen, Koffein und Nikotin etc. Bei der Exploration der stoffgebundenen Abhängigkeitsformen müssen insbesondere 3 Themenbereiche abgekärt werden:

303 wichtige Fragen bei der Exploration der stoffgebundenen Anhängigkeitsformen

Bei der substanzgebundenen Abhängigkeit werden nach der WHO nochmals Prägnanztypen differenziert:

→ 1) Morphin-Typ (Opiate, Betäubungsmittel und Opioide).

→ 2) Barbiturat-/Alkohol-Typ (Barbiturate, Clomethiazol, Benzodiazepine, Alkohol und Lösungsmittel).

→ 3) Kokain-Typ (Kokain).

→ 4) Cannabis-Typ (Cannabis),

→ 5) Halluzinogen-Typ (Halluzinogene) und

→ 6) Amphetamin-Typ (Stimulanzien und Designer-Drogen).

632 Hauptgruppen der Suchtstoffe und ihr Abhängigkeitspotenzial

II: Nicht-stoffgebundene Abhängigkeit: Hierunter fallen insbesondere die abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle. Hierzu zählen u.a.:

→ 1) Pathologisches Spielen,

→ 2) Pathologisches Klauen (Kleptomanie) und

→ 3) Pathologische Brandstiftung (Pyromanie).