Verletzungen des Akromioklavikulargelenkes / Akromioklavikulargelenkluxation

Anatomie:

→ I: Beim Akromioklavikulargelenk artikulieren das Acromion der Scapula mit der Extremitas acromialis der Clavicula.

→ II: Die dünne Kapsel wird von straffen Bändern umgeben: Hierzu zählen das:

→ 1) Lig. acromioclaviculare,

→ 2) Lig. coracoacromiale und

→ 3) Lig. coracoclaviculare (unterteilt in ein Lig. trapezoideum und ein Lig. conoideum).

III: Als primärer Stabilisator des AC-Gelenkes fungiert das Lig. coracoclaviculare mit seinen 2 Anteilen, der Pars trapezoidea und der pars conoidea; es übernimmt ca. 80% der Kraft.

689 Anatomische Strukturen des Schultergelenks

 

Pathogenese: Entwickelt sich meist im Zuge eines direkten Traumas durch Sturz auf die Schulter bzw. den adduzierten Arm infolge eines Reit- bzw. Fahrradunfalls.

 

Klassifikation: Bei der AC-Gelenksluxation haben sich 2 Einteilungen etabliert:

→ A) Nach Tossy und

B) Rockwood (Erweitert die Klassifikation nach Tossy unter Miteinbeziehung der Dislokationsrichtung des lateralen Klavikulaendes).

I: Tossy 1: Zerrung und Überdehnung des Lig. acromioclaviculare und des Lig. coracoclaviculare ohne Dislokation des AC-Gelenkes.

II: Tossy 2: Ruptur des Lig acromioclaviculare und Überdehnung des Lig. coracoclaviculare mit Subluxation des AC-Gelenkes.

III: Tossy 3: Ruptur des Lig. acromioclaviculare und des Lig. coracoclaviculare mit Luxation des AC-Gelenkes.

688 Klassifikation der Akromioklavikulargelenkverletzung nach Tossy

I: Rockwood 4: Dislokation des lateralen Klavikulaendes nach dorsal.

→ II: Rockwood 5: Dislokation des lateralen Klavikulaendes nach kranial (proximal) und

→ III: Rockwood 6: Dislokation des lateralen Klavikulaendes nach kaudal unter das Acromion oder das Korakoid.

 

Klinik: Charakteristische klinische Symptome sind:

I: Druckschmerzhaftigkeit,

→ II: Bewegungsschmerz mit Schonhaltung

→ III: Schwellung und Hämatombildung sowie sichtbare Fehlstellung.

IV: Die klinische Beurteilung sollte immer im Vergleich zur Gegenseite erfolgen.

538 Klassifikation nach Rockwood (erweiter durch Tossy)

 

Klinisch-relevant: Klaviertastenphänomen:

→ A) Es entsteht beim kompletten Zerreißen der beiden Bänder (Lig.acromioclaviculare und Lig. coracoclaviculare), im Rahmen des Tossy-Typ III bzw. Typ V nach Rockwood.

→ B) Verfahren: Durch Druck auf das nach kranial dislozierte, laterale Ende der Klavikula wird sie wieder in Normalposition gebracht.

 

Diagnose:

→ I: Anamnese/klinische Untersuchung: Klassischer Unfallhergang, evtl. Nachweis eines Klaviertastenphänomens bei Tossy 3 bzw. Rockwood 5. Die klinische Beurteilung erfolgt immer im Vergleich zur Gegenseite.

→ II: Röntgen: 

→ 1) Der Schulter in 2 Ebenen mit Nachweis eines erweiterten Gelenkspalts und eines nach kranial dislozierten Klavikulaendes.

  2) Panoramaaufnahme: Seitenvergleichende Aufnahme unter Zug an beiden Armen mit einem Gewicht von 10-15kg (Wasserträgeraufnahme). Hierbei erfolgt ein Höhertreten der lateralen Klavikula; wird heute nur noch in Ausnahmefällen angewandt.

 

→ Differenzialdiagnose: Die Akromiokalvikularverletzungen müssen insbesondere von nachfolgenden Verletzungen/Erkrankungen abgegrenzt werden.

→ I: Akromiokalvikular Gelenkarthrose,

→ II: Laterale Klavikulafraktur,

→ III: Gicht oder

→ IV: Pseudarthrose.

 

Therapie:

→ I: Konservativ:

→ 1) Indikation: Tossy I, II und Tossy III bei individueller Therapieentscheidung.

→ 2) Verfahren: Schonung, temporäre Ruhigstellung im Gilchrist-/Desault-Verband über einen Zeitraum von 1-3 Wochen, sowie Kryotherapie und Analgesie. Schweres Heben und Kontaktsportarten sind über einen Zeitraum von 6 Wochen zu vermeiden.

II: Operativ:

→ 1) Indikation: Tossy III (gerade bei jungen, sportlichen Patienten), Rockwood V, sowie Rockwood IV/VI, floating shoulder und veraltete Luxation mit persistierenden Beschwerden.

2) Verfahren: Direkte Naht des Kapsel-Band-Apparates und temporäre Arthrodese des AC-Gelenkes mittels Zuggurtung (Kirschnerdraht) oder Haken- bzw. Rüssler- oder Balserplatte. Alternativ kann es durch eine Stellschraube oder PDS-Kordel zwischen Korakoid und Klavikula gesichert werden.

3) Postoperative Therapie: Ruhigstellung im Gilchrist-Verband für 1 Woche, anschließend frühfunktionelle Krankengymnastik. Die Metallenfernung erfolgt nach ca. 12 Wochen.

 

Komplikationen: Wichtige postoperative Komplikationen sind insbesondere:

→ I: Ausbildung einer posttraumatischen Arthrose,

→ II: Verknöcherung des Kapsel-Band-Apparates, insbesondere des Lig. coracoclavikulare,

→ III: Hohes Redislokationsrisiko bei bis zu 20% der Fälle nach operativer Therapie,

→ IV: Infektionen,

→ V: Drahtwanderung, Schraubenbruch und Materialversagen.