Wartenberg-Syndrom / Cheiralgia paraesthetica

Definition: Bei dem Wartenberg-Syndrom handelt es sich um ein sehr seltenes Nervenkompressionssyndrom des Ramus superficialis (sensibler Ast) des Nervus radialis beim Durchtritt durch die Fascia antebrachii etwa 9cm vor dem Processus styloideus radii.

 

→ Anatomie: Der sensible Endast des Nervus radialis zieht auf der Unterseite des M. brachioradialis, durchdringt im distalen Unterarmdrittel die UA-Faszie und verläuft zwischen M. brachioradialis und M. extensor carpi radialis longus nach distal. Im weiteren Verlauf zieht er zum radialen Handrücken, der Streckseite des Daumengrundgelenkes bis hin zu den Grundgelenken 2-3 und innerviert diese sensibel (= versorgt radialen Handrücken sowie die dorsalen Weichteile der Digiti I-III, proximal der Interphalangealgelenke).

771 Topographischer Verlauf des N radialis

 

Ätiologie: 

→ I: Druckläsion des R. superficialis beim Durchdringen der Unterarmfaszie zwischen M. brachioradialis (Seitenrand des Muskels komprimiert den Ramus) und M. extensor carpi radialis. Seltener wird er weiter proximal oder distal durch fibröse Septen komprimiert.

→ II: Weitere Auslösefaktoren können zudem auch Armbänder, Handschellen, vorangegangene Traumata am distalen Radius, nach intravenösen Injektionen, osteosynthetischen Eingriffen, Shunt-Operationen oder Schlagverletzungen, etc. sein.

 

Klinik:

→ I: Parästhesien und möglicherweise Schmerzen im Versorgungsgebiet des Ramus superficialis d.h. im radialen Handrückenbereich sowie im dorsalen Bereich des Daumens.

II: Umschriebene Druckdolenz des Nervus im distalen Unterarmbereich 8-10cm proximal des Processus styloideus radii, sowie ein Dehnungsschmerz, der durch den Finkelstein-Test nachweisbar ist (Abb.: Klinik der Radiusparese abhängig von der Lokalisation).

 

Diagnose:

→ I: Positives Hoffmann-Tinel-Zeichen mit Parästhesien bei Perkussion des Nerven.

II: Hyperästhesien im Bereich des radialen Handrückens und der Streckseite des Daumens.

III: Provokationstest nach Dellon: Durch Pronation des Unterarms und Abduktion der gestreckten Hand lassen sich durch Dehnung und gleichzeitige Kompression des Nervs zwischen M. brachioradialis und M. carpi radialis longus charakteristische Dysästhesien (zumeist Hypästhesien) auslösen.

 

Differenzialdiagnose: Tendovaginitis de Quervain. Hierbei ist das Hoffmann-Tinel-Zeichen negativ, das Finkelstein-Zeichen positiv.

 

Therapie:

→ I: Konservative Therapie: Kurzfristige Ruhigstellung über 3-5 Tage mittels dorsaler Unterarmgipsschiene sowie eine Ultraschall-unterstützte Steroid-Inflitration können die Symptome therapieren.

II: Operative Therapie: Die operative Therapie erfolgt insbesondere bei anhaltenden intolerablen Schmerzen. Hierbei erfolgt nach Oberarmblutsperre und Lokalanästhesie eine (5-6 cm lange) radiopalmare Längsinzision unter Schonung des N. cutaneus antebrachi dorsalis. Im Anschluss wird der Ramus superficialis zwischen M. brachioradialis und M. carpi radialis longus aufgesucht und die Unterarmfaszie zwischen beiden Muskeln ausreichend gepalten bzw. reseziert. 

 

  Prognose: Die Prognose ist zumeist sehr gut; die Beschwerden bessern sich fast immer. Es erfolgt eine postoperative Arbeitsunfähigkeit über 2-4 Wochen.