Analgetikanephropathie

Definition: Bei der Analgetikanephropathie handelt es sich um eine chronisch tubulo-interstitielle Nephropathie (= chronisch, interstitielle Nephritis), die durch einen langjährigen Analgetikaabusus hervorgerufen wird und zu einer terminalen Niereninsuffizienz führen kann.

Epidemiologie:

→ I: Die Analgetika-Nephropathie ist mit 1% der Fälle für die terminale Niereninsuffizienz verantwortlich.

→ II: Ein vermehrtes Auftreten dieser Nephropathie findet man in den USA, Australien, aber auch in Schweden und der Schweiz.

→ III: Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer (M : F = 1 : 3-5).

 

Ätiologie:

→ I: Hauptursache ist die hochdosierte Einnahme phenacetinhaltige Medikamente und deren Metaboliten (= Paracetamol; ab einer Kumulativdosis > 1000mg).

→ II: Aber auch Mischanalgetika mit Coffein, Codein sowie NSAR (ASS) können diese Form der Nephropathie induzieren.

 

Pathogenese: Durch die dauerhafte Medikamenteneinnahme (NSAR) wird die Produktion des Prostaglandin E2 gehemmt, welches eine vasodilatatorisch Wirkung aufweist. Folge ist eine Vasokonstriktion der (afferenten >> efferenten) Nierengefäße mit konsekutiver Durchblutungsstörung und Ischämie des Nierenmarks mit Gefahr der Papillennekrose.

 

Klinik: Es entwickelt sich eine langsam-progrediente Niereninsuffizienz, die über ein langes Zeitintervall asymptomatisch bleibt.

 I: Im Frühstadium verläuft sie meist asymptomatisch.

→ II: Niere: Poly- und Nykturie, evtl. Koliken durch abgehende Papillennekrosen sowie Hämamturie.

 III: Im weiteren Krankheitsverlauf treten dann Symptome wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, braungräuliches Hautkolorit und Anämie (toxische durch Bildung von Met-/Sulfhämoglobin, gastrointestinale Blutungen, hämolytische Anämie, etc.), arterielle Hypertonie etc. auf.

 

Komplikationen:

→ I: Rezidivierende Harnwegsinfekte (v.a. Zystitis, Pyelonephritis, etc.).

→ II: Tubuläre Funktionsstörungen mit verminderter Konzentrationsfähigkeit, Hypokaliämie, Hyponatriämie und renal-tubuläre Azidose.

III: Ausbildung einer Papillennekrose mit kolikartigen Flankenschmerzen, Hämaturie und Fieber.

IV: Spätkomplikationen: Sind Niereninsuffizienz, Urotheliome (2x im Jahr Urinzytologie), Blasen- und Nierenzellkarzinome.

 

Diagnose:

→ I: Anamnese: Mit chronischen Schmerzzuständen und entsprechender Medikamenteneinnahme.

→ II: Labor:

→ 1) Sterile Leukozyturie (ist ein Frühsymptom), evtl. Erythrozyturie bzw. milde Proteinurie (Mikroproteine der Gruppe ß2) im 24h Sammelurin.

2) Bei bestehender Papillennekrose Nachweis von Papillengewebe bzw. einer Mirkohämaturie im Urin (in schweren Fällen zeigt sich eine Makrohämaturie).

→ 3) Abhängig vom Schweregrad der Niereninsuffizienz kann ein Anstieg der Retentionsparameter, eine renale Hypertonie und/oder eine normochrome Anämie nachgewiesen werden.

 

Klinisch-relevant: Bei Verdacht auf einen Analgetikaabusus sollte die Bestimmung des Paracetamol-Abbauproduktes, dem N-Acetyl-P-Paraaminophenol, im Urin erfolgen.

 

→ III: Sonographie: Verkleinerte Nieren (= Schrumpfniere mit höckriger Oberfläche durch narbige Einziehungen).

IV: Ausscheidungsurogramm: Kontrastmittelgabe i.v. zur Darstellung des Nierenbeckenkelch-Systems und somit des Papillendefekts.

 

Differenzialdiagnose:

→ I: Chronisch interstitielle Nephritis: anderer Genese bei Hyperurikämie (Gicht), Hyperkalzämie, Hypokaliämie (z.B. Conn-Syndrom), Zystinose.

→ II: Papillennekrose: Anderer Genese. Man findet sie u.a. auch bei der diabetischen Nephropathie, Urogenital-TBC und der Sichelzellanämie.

III: Hämatologische Erkrankungen: Multiples Myelom, Amyloidose.

→ IV: Weitere Ursachen: Sind u.a.:

→ 1) Systemerkrankungen wie das Sjögren-Syndrom, die Sarkoidose, SLE.

→ 2) Medikamente wie z.B. Lithium, etc. 

504 Differenzialdiagnose der chronisch interstitiellen Nephritis

 

Therapie:

→ I: Absetzten der auslösenden Medikamente sowie symptomatische Therapie der bestehenden Beschwerden:

→ 1) Therapie der Anämie durch Erythropoetin.

→ 2) Adäquate Einstellung einer möglichen arteriellen Hypertonie.

→ 3) Konsequente Behandlung eines Harnwegsinfektes.

→ II: Therapie der Niereninsuffizienz.

 

Prognose: Hierbei ist es wichtig, bei bestehendem Analgetikaabusus die Medikamente frühzeitig abzusetzen, um die Entwicklung einer terminalen Niereninsuffizienz zu verhindern (geringgradige Nierenfunktionsstörungen sind reversibel).