Strahlenkolitis

Hauptkategorie: Gastroenterologie
Kategorie: Dickdarm
Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 09. August 2020 20:01
Veröffentlicht am Mittwoch, 24. August 2016 12:33
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Allgemein: 

→ I: Der Darm weist aufgrund seiner hohen Zellteilungsrate eine deutliche Strahlensensibilität auf. Gerade bei der Bestrahlung des Abdomens und/oder Beckens aufgrund von intra- oder retroperitonealen Tumoren bildet sich eine Strahlenkolitis aus.

→ II: Prädilektionsstellen sind das distale Kolon und Rektum, wohingegen das proximale Kolon und der Dünndarm nur selten betroffen sind.

→ III: Verschiedenen Toleranzdosen:

1) Dünndarm: 45-60Gy.

→ 2) Dickdarm: 45-65 Gy.

→ 3) Rektum: 50-80Gy.

 

→ Ätiologie: Ursache der Strahlenkolitis ist eine therapeutische Strahlenapplikation (ab 50Gy) bei z.B. Zervix-, Uteruskarzinom, aber auch nach Radiatio von Blase, Prostata und Hoden. Besonders häufig sind Sigma und Rektum betroffen. Im Zuge der radiogenen Destruktionen der Darmschleimhaut unterscheidet man zwischen:

→ I: Akuten Strahlenkolitis: Tritt innerhalb der ersten 3 Monate nach Radiatio auf und manifestiert sich in 50-75% der Fälle und 

→ II: Chronische Strahlenkolitis: Findet man in 5-20% der Fälle. So können Diarrhö, Blutungen und Obstruktionssymptome auch viele Jahre nach der Bestrahlung klinisch manifest werden.

 

→ Klinisch-relevant: Das Risiko für eine Strahlenkolitis erhöht sich bei u.a. gleichzeitig verabreichter Chemotherapie, mesenterialen Durchblutungsstörungen, abdominellen Voroperationen, Diabetes mellitus, etc. deutlich.

 

  Klinik:

→ I: Akute Strahlenkolitis: Sie entwickelt sich zumeist einige Tage nach Bestrahlung und weist eine charakteristische Symptomatik mit Übelkeit, Erbrechen, Abdominalschmerzen, Diarrhö, Tenesmen und rektale Blutungen auf. Meist ist sie nach 2 Monaten selbstlimitierend.

II: Chronische Strahlenkolitis:

→ 1) Kann sich 3 Monate, manchmal aber auch 1-2 Jahre nach der Strahlentherapie (aber auch erst nach Jahren nach der Bestrahlung) ausbilden und über Jahre persistieren.

2) Leitsymptome sind wässrige, blutige Durchfälle und Abdominalschmerzen.

3) Unter Miteinbeziehung des Ileums entwickelt sich eine Malabsorption.

4) Bei Strahlenproktitis bilden sich evtl. perianale Blutungen und Analstenosen aus.

 

→ Komplikationen: Wichtige zum Teil schwerwiegende Komplikationen treten insbesondere bei der chronischen Verlaufsform auf: Hierzu zählen:

→ I: Strikturen mit der Gefahr der Entwicklung eines mechanischen Ileus,

→ II: Ein erhöhtes Perforationsrisiko mit der Gefahr der Peritonitis und Sepsis sowie,

→ III: Massive Blutungen mit Ausbildung einer Blutungsanämie,

→ IV: Fistelbildung zur Blase, Scheide, seltener entwickeln sich enterokutane Fisteln,

→ V: Selten Übergang in eine chronische Verlaufsform

 

→ Diagnose: 

→ I: Anamnese/Klinsche Untersuchung: Die umfangreiche Eigenanamnese mit Eruierung einer intra- bzw. retroperitonealen Tumorerkrankung in der Vorgeschichte ist richtungsweisend. Evtl. Blutungsnachweis bei der rektal-digitalen Untersuchung.

→ II: Endoskopische Untersuchung: Mittel der 1. Wahl  zur Diagnosestellung ist die Koloskopie. Endoskopische Charakteristika sind u.a.:

→ 1) Die frühzeitige ödematös veränderte Darmmukosa mit konskutivem Erythem. Das Bild ähnelt der Colitis ulcerosa und beinhaltet zusätzlich das Auftreten von Erosionen, Ulzerationen und Schleimhautblutungen infolge einer vulnerablen Darmschleimhaut.

→ 2) Im weiteren Krankheitsverlauf manifestiert sich eine Störung der normalen Gefäßzeichnung mit Ausbildung von Neogefäßen und Teleangiektasien. Das Spätstadium ist geprägt durch das Bestehen einer Mukosaatrophie mit konsekutiver Ausbildung von narbigen Strikturen, einer Fibrose und Obliteration der Gefäße.

→ 3) Die chronische Strahlenkolitis mit einem milden Krankheitsverlauf zeichnet sich durch das Vorhandensein von Teleangiektasien und eine Rarifizierung der Gefäße aus.

→ 4) Bei der schwere Verlaufsform der chronischen Strahlenkolitis sind u.a.:

→ A) Ausgedehnte Hämorrhagien,

→ B) Nekrosen und

→ C) Ulzerationen, die zu schweren gastrointestinalen Blutungen führen, nachweisbar.

697 Diagnostische Kriterien der Strahlenkolitis

 

 

→ Differenzialdiagnose: Wichtige Differenzialdiagnose der Strahlenkolitis sind u.a.:

→ I: Infektöse Kolitis,

→ II: Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie die Colitis ulcerosa und der Morbus Crohn,

→ III: Ischämische Kolitis,

→ IV: Mikroskopische Kolitis,  

→ V: Pseudomembranöse Kolitis etc.

 

Therapie:

→ I: Konservative Therapie: Es kann ein Behandlung mit Applikation von Spasmolytika, Mesalazin, Kortikosteroid-Klysmata (Prednisolon) sowie die symptomatische Gabe von Loperamid versucht werden. Zumeist klingt die akute Strahlenkolitis bei adäquater Therapie nach einigen Wochen wieder ab. Insbesondere bei der chronischen Form sollte eine begleitende Diätumstellung auf eine hochkalorische, ballaststoffarme, vitaminreiche und fettarme Kost erfolgen; in Einzelfällen ist sogar eine totale parenterale Ernährung unumgänglich.

696 Medikamentöse Therapieoptionen bei der Strahlenkolitis

→ II: Operative Therapie: Die chirurgischen Interventionen kommen insbesondere bei Versagen der konservativen Maßnahmen zum Einsatz:

→ 1) Diffuse Blutungen bei der chronischen Verlaufsform können mittels Laserkoagulation therapiert werden.

→ 2) Sowohl bei einer Ileussymptomatik als auch bei nicht-beherrschbaren Blutungen ist eine sofortige Operation indiziert mit Resektion des betroffenen Darmabschnittes.

→ 3) Jedoch muss die Operationsindikation aufgrund:

→ A) Der hohen Letalitätsrate mit bis zu 10%,

→ B) Des deutlich erhöhten Anastomoseinsuffizienz-Risikos und

→ C) Der schlechten Heilungstendenz streng gestellt werden.

 

→ Prognose:

→ I: Ein Therapieerfolg ist nicht immer gewährleistet.

→ II: Insbesondere die akute milde Strahlenkolitis weist zumeist eine gute Prognose auf und heilt unter supportiver Therapie fast immer aus.

→ III: Die chronische Verlaufsform verläuft aufgrund einer Schädigung der Mukosa häufig progredient mit z.T. therapieresistenten Beschwerden und wird durch das Auftreten von Komplikationen (z.B. Strikturen, Obstruktionsileus, chronische Blutungsanämie, etc.) geprägt.