Dumping-Syndrom / Frühdumping / Spätdumping

Definition:

→ I: Beim Dumping-Syndrom handelt es sich um einen Symptomkomplex bestehend aus gastrointestinalen, kardialen und vasomotorischen Beschwerden nach Nahrungsaufnahme.

→ II: Es stellt eine Komplikation des operierten Magens (siehe auch Ulkuskrankheit) dar und tritt gerade nach Billroth-II- und Roux-Y-Resektion (unter Ausschaltung des Pylorus), aber auch nach vagaler Denervierung zumeist in Kombination mit einer Verkleinerung des Magens auf.

III: Beim Dumping-Syndrom unterscheidet man 2 verschiedene Typen:

→ 1) Das Frühdumping (innerhalb der ersten Stunde nach Nahrungsaufnahme)

2) Das Spätdumping (1-3 Stunden nach Nahrungsaufnahme).

 

Epidemiologie:

→ I: 5-10% der am Magen operierten Patienten bilden ein Dumping-Syndrom aus.

→ II: Die Inzidenz liegt bei der Magenbypass-Operation infolge maligner Adipositas mit 75% sogar noch deutlich höher.

 

Pathogenese: Charakteristischerweise kommt es zur beschleuningten Entleerung osmotisch wirksamen Speisebreis oder flüssiger Nahrung in das Duodenum oder den angeschlossenen Dünndarm. Durch hormonelle Dysregulation manifestieren sich gastrointestinale, vasomotorische und hypoglykämische Folgezustände.

 

→ I: Frühdumping:

→ 1) Entwickelt sich vor allem 3-4 Wochen nach Billroth-II-Resektion und Y-Roux-Rekonstruktion.

→ 2) Nach hastigem Essen bzw. kohlenhydratreichen Mahlzeiten (z.B. nach Süßspreisen, Zucker etc.) kommt es durch eine Sturzentleerung des hyperosmolaren Speisebreis in das Jejunum zu einer Volumenverschiebung aus dem Intravasalraum (= Plasmavolumen) in das Darmlumen (= passagere relative Hypovolämie).

→ 3) Zudem führt die Sturzentleerung des Magens (zu kleiner Restmagen zu weite Anastomose) zu einer ausgeprägten Überdehnung der abführenden Schlinge des Jejunums und konsekutiv zur Freisetzung  von gastrointestinalen Hormone wie Serotonin, Kallikrein, Bradykinin, Enteroglukagon, pankreatisches Polypeptid, vasoaktives intestinales Polypeptid, GIP (= Gastric-inhibitory-polypeptide) Glucagon-like-Peptid und Neurotensin freigesetzt, die zu den verschiedenen Symptomen führen.

→ II: Spätdumping:

→ 1) Das Spätdumping tritt ca. 6 Monate nach Billroth-II-Resektion und Y-Roux-Rekonstruktion auf.

→ 2) Die Beschwerden werde durch eine reaktive Hypoglykämie bestimmt.

→ 3) Durch die schnelle Entleerung des Speisebreis besteht eine Überangebot an Glukose und Kohlenhydraten im Darmlumen, welche schnell resorbiert werden und eine exzessive Insulinfreisetzung indizieren.

→ 4) Da das Insulin eine längere HWZ hat bildet sich reaktiv eine Hypoglykämie aus.

5) Zusätzlich wird vermehrt Glukagon-like-Peptid freigesetzt, welches die Insulinproduktion weiter steigert und gleichzeitig den Glukagonspiegel senkt. Dies verursacht eine weitere Abnahme des Blutzuckerspiegels.

 

Klinik:

→ I: Frühdumping: Die Symptome treten charakteristischerweise ca. 20 min postprandial auf.

1) Gastrointestinal: Völlegefühl, epigastrische Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Flatulenz, Diarrhoe.

→ 2) Vegetativ: Kopfschmerzen, Schwitzen, Blässe, Schwächegefühl, Tachykardie, Schwindel, Synkope, selten Schock.

II: Spätdumping: Die Symptome treten 2-3 Stunden nach dem Essen auf und sind durch die klinischen Symptome der Hypoglykämie geprägt mit innerer Unruhe, Schwitzen, Schwäche, Heißhunger, Konzentrationsstörungen und Bewusstseinseintrübung bis hin zum Kollaps.

 

Diagnose:

→ I: Frühdumping:

→ 1) Anamnese und klinische Zeichen,

→ 2) Provokationstest: Nach Gabe von 50g Glukose werden anschließend die Parameter Herzfrequenz, Hämatokrit und Wasserstoffauscheidung in der Atemluft bestimmt. Der Test ist positiv, wenn die Herzfrequenz um > 10 Schläge/min, der Hämatokrit um > 3% und die Wasserstoffauscheidung in der Atemluft zunimmt.

→ 3) Eine Gastroskopie ist zum Ausschluss anderer Ursachen indiziert.

→ II: Spätdumping:

→ 1) Klinik: Eine intitiale Hyperglykämie mit anschließender Hypoglykämie spricht für ein Spätdumping.

→ 2) Oraler Glukosetoleranztest zur Auslösung der Symptomatik,

→ 3) Gastroskopie: (siehe oben).

 

Therapie:

→ I: Diätische Therapie:

→ 1) Reduktion der Kohlenhydrate, sowie Umstellung auf komplexe Kohlenhydrate.

→ 2) Mehrere kleine Mahlzeiten.

→ 3) Getränke sollten zu bzw. kurz nach den Mahlzeiten vermieden werden.

→ II: Medikamentöse Therapie:

→ 1) Acarbose, eine Alpha-Glucosidase-Hemmer, verhindert die Aufspaltung der komplexen Kohlenhydrate in Einfachsaccharide.

→ 2) Octreotid hemmt die Ausschüttung des Insulins bzw. anderer gastrointestinaler Hormone.

→ III: Operative Therapie: 

→ 1) Ultima ratio ist die chirurgische Therapie mit Einengung der gastrojejunalen Anastomose, die Pylorusrekonstruktion oder eine Umwandlungsoperation von Billroth II in die Billroth I.

→ 2) Weiter chirurgische Interventionen: Sind u.a.:

→ A) Jejunuminterposition zwischen Magen und Duodenum nach Billroth-I-Resektion zur Vergrößerung des Magenreservoirs.

→ B) Ersatzmagenbildung.

 

  Prognose: Nicht selten kommt es zu einer spontanen Rückbildung der Dumping-Symptome.