Involutionsdepression / Altersdepression

Definition:

→ I: Involutionsdepression: Tritt eine depressive Episode erstmalig (ohne vorherige depressive oder manische Phase) nach dem 45. Lebensjahr auf, spricht man von einer Involutionsdepression.

II: Altersdepression: Spricht man bei einer primären Depression nach dem 60. Lebensjahr.

 

Klinisch-relevant:

→ I: Charakteristisch ist eine z.T. deutlich verlängerte Phasendauer. 

→ II: Auslöser sind zumeist somatische oder psychische Belastungsfaktoren.

 

Epidemiologie: Die Lebensprävalenz liegt bei 10%, wobei Frauen deutlich häufiger erkranken als Männer (auch beginnt sie beim männlichen Geschlecht später). 

 

Ätiologie:

→ I: Wie bei allen affektiven Störungen handelt es sich um eine multifaktorielle Genese.

II: Zusätzlich spielen somatische Funktionsstörungen wie arterielle Hypertonie, Myokardinfarkt, zerebraler Insulte und demenzielle Entwicklungen (deutliche Ventrikelerweiterungen in der Bildgebung) sowie die hormonellen Veränderungen insbesondere von Östrogen und Gestagenen (Ausbleiben des Menstruationszyklus) für die Entwicklung einer Spätdepression eine wichtige Rolle.

III: Nicht selten ist der Auslöser ein life-eventwie z.B. Pensionierung, die Trennung von den Kindern, der Verlust des Partners, nahestehender Personen oder ein Umgebungswechsel mit sozialer Isolation etc.

 

Klinik: Die Depression im Alter ist häufig intensiver und charakterisiert sich durch beträchtliche Ängste und Erregtheit.

→ I: Klassische Symptome: Mit depressiver Verstimmung, Hoffnungslosigkeit, vermindertem Antrieb, Verlangsamung des formalen Denkens, Störungen der Konzentrationsfähigkeit, vermindertes Selbstwertgefühl und Todessehnsucht.

→ II: Wahnsymptome: Häufig haben diese einen hypochondrischen oder paranoiden Charakter, aber auch Schuld-, Verarmungs- und nihilistischer Wahn können sich manifestieren.

→ III: Agitierte Depression: Stellt die häufigste Veralufsform der Altersdepression dar und ist gekennzeichnet überwiegend durch psychomotorischer Unruhe, Ängstlichkeit, und Erregtheit.

→ IV: Pseudodemenzielle Symptome: Mit mnestischen Defiziten. Die Betroffenen können jedoch detailliert ihre somatische Symptome und Beschwerden schildern und beklagen diese z.T. ausgiebig.

→ V: Selten manifestiert sich die sogenannte "Jammerdepression" mit ausgeprägter hypochondrischer Klagsamkeit und erhöhter (latenter) Suizidalität.

→ VI: Vegetative Smyptome: Sind Herz-Kreislauf-Störungen, Obstipation, Gewichtsverlust, Hyposomnie etc.

 

Diagnose:

→ I: Anamnese/körperliche Untersuchung: Mit Eruierung der Auslöser und klinischen Symptomatik (zumeist ängstlich-agitiert) und ausgeprägter Klagsamkeit. Zur Risikoabschätzung ist das Ansprechen einer möglichen Suizidalität obligt.

→ II: Apparative Diagnostik: Somatische Diagnostik von Herz, Kreislauf, Leber- und Nierenfunktion, radiologische Untersuchung des Kopfes. Bestimmung des Hormonstatus (u.a. Schilddrüse)

 

Differenzialdiagnose: Insbesondere muss die Abgrenzung der Involutionsdepression zu weiteren psychischen Störungen erfolgen:

→ I: Organische Ursachen wie endokrine (Hypothyreose, Diabetes mellitus), neurologische Erkrankungen usw.

→ II: Weitere depressive Störungen wie die:

→ 1) Somatogene Depression,

→ 2) Rezidivierende Depression oder die

→ 3) Dysthymie.

→ III: Abgrenzung zur Demenz (z.B. Alzheimer-Krankheit, vaskuläre Demenz etc.).

 

Therapie:

→ I: Psychiatrische Behandlung: Bei mittelschwerer bis schwerer Verlaufsform, insbesondere bei bestehenden Wahnsymptomen ist ein klinischer Aufenthalt indiziert. Maßnahmen sind u.a. supportive Gesprächstherapie, kognitives Training, Bewegungstherapie, Ergotherapie, Gruppenaktivitäten, etc. Bei ausgeprägten therapieresistenten Krankheitsverläufen mit anhaltender Suizidalität sollte einer Elektrokrampftherapie erwogen werden.

→ II: Medikamentöse Behandlung: Sie ist insbesondere symptomorientiert und beinhaltet:

→ 1) Trizyklische Antidepressiva: Wie Imipramin 100-150mg/d, Amitriptylin 150-200mg/d oder Doxepin 150-200mg/d.

→ 2) Bei Kontraindikationen für TAD oder kardialen Vorerkrankungen sollte ein atypisches AD wie Fluoxetin oder Citalopram (= SSRI) substituiert werden.

→ 3) Bestehende Schlafstörungen: Hierfür stehen zum einen dämpfende Antidepressiva wie Amitriptylin, Trimipramin oder Mirtazapin, zum anderen aber auch schwachpotente Antipsychotika wie z.B. Chlorprothixen, Levomepromazin oder Melperon zur Verfügung. Bei Erfolglosigkeit kann eine medikamentöse Behandlung mit Zopiclon, Zolpidem oder einem schlafanstoßenden Benzodiazepin (z.B. Diazepam) versucht werden.

 

Prognose: Es bestehten z.T. sehr lange, depressive Phasen, die bis zu einem Jahr anhalten. Insgesamt ist die Prognose jedoch günstig, wird jedoch durch die erhöhte Suizidalität negativ beeinflusst; selten entwickeln sich Rezidive.