Schizophrenes Residuum / Defektsyndrom

Definition:

→ I: Beim schizophrenen Residuum handelt es sich um unspezifisch anhaltende Negativsymptome nach einer schizophrenen Erkrankung (psychotisches Zustandsbild, das die allgemeinen Kriterien einer Schizophrenie erfüllt). Die klinische Symptomatik umfasst insbesondere Interessenverlust, Antriebsarmut, Affektverarmung, emotionale Abstumpfung, sozialen Rückzug etc.

→ II: Die Positiv-Symptomatik mit Erregungszuständen, Wahnvorstellungen und Halluzinationen sind zumeist remittiert bzw. bestehen nur in geringer Intensität.

 

Epidemiologie:

→ I: Das schizophrene Residuum manifestiert sich zumeist als Folgezustand häufiger psychotischer Krankheitsschübe.

→ II: Es kann zeitlich begrenzt zwischen akuter Psychose und vollständiger Remission der Symptomatik oder aber anhaltend über viele Jahre mit Phasen der akuten Exazerbation auftreten.

 

→ Klassifikation: Nach dem Auftreten der klinischen Symptomatik wird beim Defektsyndrom zwischen 2 Subformen unterschieden:

→ I: Einfaches Residuum: Bei dieser Form manifestiert sich ausschließlich eine Negativsymptomatik.

→ II: Gemischtes Residuum: Das klinische Bild ist durch den gleichzeitigen Nachweis von Positiv- und Negativsymptomen bestimmt.

 

Klinik: Das schizophrene Residuum ist durch die klassische Negativsymptomatik charakterisiert und weist eine mehr oder weniger starke Persönlichkeitsveränderung auf; hierzu zählen:

→ I: Leistungsverlust und kognitive Einbußen.

→ II: Antriebsverlust, Interesseneinengung und sozialer bis hin zu autistischem Rückzug.

→ III: Denkstörungen Zerfahrenheit und Inkohärenz.

IV: Affektverflachung und Anhedonie und nicht zuletzt

→ V: Neigung zur Depression, Hypochondrie und Suizidalität.

→ VI: Weitere Symptome: Sind Passivität, Sprachverarmung, geringe nonverbale Kommunikation, Vernachlässigung der Körperhygiene, psychomotorische Verlangsamung, sozialer Rückzug etc.

VII: Produktiv-Symptome liegen nur in geringer/stark verminderter Intensität vor oder können gänzlich fehlen.

 

Diagnose:

→ I: Anamnese:

→ 1) Eruierung des Krankheitsverlaufes und der Medikation.

→ 2) Insbesondere die Verlaufsbeobachtung der schizophrenen Erkrankung mit Abnahme der Produktiv-Symptomatik und Zunahme der Negativ-Symptome lässt die Diagnose des schizophrenen Residuums zu.

II: Testpsychologisches Verfahren: Hierzu zählt der SANS (= Scale of the Assessment of Negative Symptoms). Es handelt sich um ein Fremdbeurteilungsverfahren zur Erfassung der Negativ-Symptome. Der Test besteht aus 5 Subscalen mit insgesamt 24 Items und umfasst psychopathologische Aspekte wie Gestik, Mimik, Sprache, Interessen, Motivation, Aufmerksamkeit und Pflegezustand des Patienten, die vom Untersucher/Therapeuten erfasst werden:

→ 1) Affektverflachung und -abstumpfung (z.B. starrer Gesichtsausdruck, fehlender Blickkontakt).

→ 2) Alogie: (z.B. sprachliche Verarmung mit reduzierten Inhalten, erhöhte Antwortlatenz).

→ 3) Apathie: (z.B. Antriebsschwäche, Willensschwäche, Vernachlässigung der Körperhygiene und Kleidung).

→ 4) Anhedonie: Unfähigkeit zu Nähe und Intimität, Desinteresse, Introversion bis hin zur Isolation).

→ 5) Aufmerksamkeitsstörungen: Fehlende Aufmerksamkeit in sozialen Situationen und während des Gespräches.

Die einzelnen Subscalen werden nach ihrer Symptomausprägung in eine 5-stufige Rating-Skala eingeteilt und beurteilt (0= Nicht vorhanden, 1= Fraglich, 2= Leicht, 3= Mittel, 4= Deutlich bis 5= Schwer).

→ III: Nach ICD-10 besteht ein schizophrenes Residuum, wenn nachfolgende Diagnosekriterien zutreffen:

507 Diagnosekriterien des schizophrenen Residuums nach ICD 10

 

Differenzialdiagnose: Vom schizophrenen Residuum abzugrenzen sind insbesondere:

→ I: Frühkindliche Hirnschädigung.

→ II: Postremissives Erschöpfungsyndrom: Hierbei herrscht vorrangig Depressivität, mangelnde Ausdauer und Belastbarkeit sowie Neurasthenie.

→ III: Depressive Eposide,

→ IV: Demenz: Beginnt zumeist im höheren Alter und vor allem stehen progrediente kognitive Defizite im Vordergrund der klinischen Symptomatik.

→ V: Chronische Drogenabhängigkeit: Drogenscreening, zumeist fehlen von psychotischen Symptomen.

→ VI: Hospitalisierung: Langer Klinikaufenthalt, keine Produktiv-Symptomatik.

 

Therapie: Die Therapie der Negativ-Symptome im Rahmen eines schizophrenen Residuums gestaltet sich deutlich problematischer als die der Produktivsymptomatik und ist konsekutiv nur begrenzt behandelbar.

→ I: Psychotherapie: Im Vordergrund stehen u.a.:

→ 1) Psychoedukation und Beratung des Patienten und der Angehörigen.

→ 2) Soziotherapie: Mit Gestaltungstherapie, Freizeitgestaltung, Arbeitstraining, tagesklinischer Behandlung und nicht zuletzt Selbsthilfegruppen etc.

→ 3) Verhaltenstherapie: Erlernen von kognitiven Funktionen sowie Training sozialer Kompetenz.

II: Medikamentöse Therapie:

→ 1) Insbesondere die atypischen Neuroleptika wie Quetiapin, Olanzpin, Risperidon, Aripiprzol und Clozapin haben sich bei des Behandlung des Defektsyndroms etabliert.

→ 2) Stehen beim Patienten Symptome wie ausgeprägte Antrieblosigkeit, Interessenverlust etc. im Vordergrund ist eine zusätzlichen Therapie mit einem Antidepressivum indiziert.

 

Klinisch-relevant: Bei fehlender Compliance des Patienten ist die Applikation eines Depot-Antipsychotikums zu erwägen.

 

Prognose:

→ I: Die Prognose ist insbesondere von dem Schweregrad bzw. der Intensität der Erkrankung sowie den frühzeitigen adäquaten Therapiemaßnahmen abhängig; Teilremissionen sind z.T. noch nach Jahren möglich.

→ II: Physische wie psychische Schonung sowie Unterstimulation fördern die Entwicklung eines schizophrenen Residuums.

→ III: Auch die Suizidalität beeinflusst die Prognose maßgeblich.