Neurasthenie

Definition:

→ I: Bei der Neurathenie handelt es sich um einen psychischen Symptomkomplex, bestehend aus dem generellen Nachlassen physischer Kraft und Ausdauer bis hin zur andauernden und quälenden Erschöpfung.

→ II: Nach ICD-10 wird sie zusammen mit dem Depersonalisations- und Derealisationssyndrom zu den „anderen neurotischen Störungen“ zugeordnet.

 

Ätiologie: Die Genese der Neurasthenie ist bis heute noch nicht genau geklärt; jedoch geht man von einem multifaktoriellen Geschehen aus.

 

Klassifikation: Die Neurasthenie wird auch als Erschöpfungssyndrom bezeichnet und man unterscheidet nach ICD-10 2 Formen:

→ I: Typ 1: Das Hauptkriterium besteht im vermehrten Klagen über eine ausgeprägte Müdigkeit nach geistiger Anstrengung in der Regel assoziiert mit Konzentrationsschwäche, Störungen im effektiven Denken und erhöhter Ablenkbarkeit. Zudem amifestiert sich eine allgemein nachlassende Arbeitsfähigkeit.

→ II: Typ 2: Bei dieser Form liegt der Schwerpunkt bei der somatischen Schwäche und Erschöpfung nach nur geringer körperlicher Belastung; eine Entspannung ist bei den Betroffenen nicht möglich.

 

Klinik: Die Neurasthenie weist häufig einen akuten Krankheitsbeginn auf, jedoch sind auch sehr variable Krankheitsverläufe beschrieben.

→ I: Im Mittelpunkt der klinischen Symptomatik stehen die Ermüdbarkeit und Schwäche sowie die Sorge um die verminderte körperliche und geistige Leistungsfähigkeit.

→ II: Begleitsymptome: Weitere klinische Beschwerden sind insbesondere:

→ 1) Anhaltende Schlafstörungen,

2) Fluktuierende Konzentrationsstörungen,

→ 3) Freudlosigkeit und depressive Verstimmung,

→ 4) Muskuläre Schwäche und lokalisierte oder generalisierte Muskelschmerzen und nicht zuletzt

→ 5) Weitere somatische Missempfindungen sowie Kopfschmerzen.

 

Diagnose:

→ I: In den westlichen Staaten erfolgt die Diagnosestellung nur selten; viel häufiger findet man sie in der ehemaligen Sowjetunion und ostasischen Ländern wie China.

→ II: Nach ICD-10 besteht eine Neurasthenie, wenn nachfolgende Kriterien zutreffen:

610 Diagnosekriterien der Neurasthenie nach ICD 10

→ III: Labor: Wichtige laborchemische Untersuchungen sind u.a.:

→ 1) Blutbild und Entzündungsparameter wie BSG und CRP.

→ 2) Elektrolyte, Leberenzyme, Kreatinin, TSH, fakultativ Rheumafaktoren, antinukleäre Antikörper sowie evtl. Borreliose, EBV, CMV, HIV etc.

→ 3) Eiweiß und Glukose im Urin.

 

Differenzialdiagnose: Von der Neurasthenie müssen insbesondere nachfolgende Erkrankungen abgegrenzt werden:

→ I: Neuropsychiatrische Störungen: Wie die depressive Störung, Angststörung, Myastenia gravis, Encephalomyelitis disseminata, Narkolepsie, etc.

→ II: Internistische Erkrankungen: Herz- und Kreislauferkrankungen (z.B. Herzinsuffizienz, Myokarditis, Kardiomyopathie), Lungenerkrankungen, rheumatische und autoimmunologische Erkrankungen, Hypothyreoidismus, Morbus Addison, Anämie, aber auch Karzinomleiden, chronische Viruserkrankungen, akute virale Infektionen etc.

III: Medikamenten-induziert: Vor allem durch Beta-Blocker, Kalziumantagonisten, Diuretika, trizyklische Antidepressiva, Neuroleptika, Lithium sowie Alkohol und Drogen.

339 Überlappungssymptomatik der Neurasthenie

 

Therapie: Die Therapie der Neurasthenie gestaltet sich zumeist sehr schwierig, insbesondere wenn die Patienten psychosoziale Einflüsse für die Genese der Erkrankung strikt ablehnen.

→ I: Medikamentöse Therapie: Die Symptome Müdigkeit und Arbeitsunfähigkeit lassen sich kaum beeinflussen; bestehen jedoch zusätzlich auch depressive – und/oder Angstsymptome können antidepressiv wirkende Substanzen wie die SSRI, SNRI oder MAO-Hemmer eingesetzt werden.

II: Psychotherapie: Im Mittelpunkt der Behandlung steht die kognitive Verhaltenstherapie mit u.a.:

1) Erkennen und Beseitigen alltäglicher Überforderungen,

→ 2) Förderung der Einsicht der Zusammenhänge von Ereignis und Symptomen im Sinne des Störungsmodells und

→ 3) Exploration von vorhandenen Konflikten sowie die Bearbeitung dieser.

→ III: Supportiv stehen weitere Therapieoptionen wie autogenes Training, progressive Muskelrelaxation und sportliche Betätigung zur Verfügung.