Manie / Manische Episode / Hypomanie

Definition: Charakteristika der Manie sind Phasen mit inadäquat gehobener Stimmung, Antriebssteigerung, beschleunigtem Denken (bis hin zur Ideenflucht) und einer ausgeprägten Selbstüberschätzung. Insgesamt werden 2 Formen unterschieden:

→ I: Hypomanie: Die Hypomanie bezeichnet eine leichtere Ausprägung der Manie; es manifestiert sich ein für Tage anhaltendes klinisches Bild mit gehobener Stimmung und Wohlbefinden, gesteigertem Antrieb, vermindertem Schlafbedürfnis etc.; Halluzinationen und Wahn fehlen (die Patienten weisen nach Außen eine mitreißende Euphorie und Antriebsteigerung auf). 

→ II: Die Manie ist durch eine Symptomatik der gehobenen Stimmung, des vermehrten Antriebs und durch Ideenflucht charakterisiert. Sie wird nach ICD-10 in 3 Schweregrade unterteilt:

→ 1) Hypomanie,

→ 2) Manie ohne psychotische Symptome und

→ 3) Manie mit psychotischen Symptomen.

 

Epidemiologie:

→ I: Die Manie als unipolare Verlaufsform manifestiert sich sehr selten und macht ca 5% aller affektiven Psychosen aus; häufiger tritt sie im Rahmen einer bipolaren Störung auf. Eine Häufung des Krankheitsbeginns findet man zwischen der 2. und 3. Lebensdekade, wobei die Geschlechterverteilung jedoch annährend gleich ist.

→ II: Die Lebenszeitprävalenz für eine Manie liegt in der Allgemeinbevölkerung bei 0,2-0,3%.

216 Häufigkeitsverteilung affektiver Störungen

 

→ Ätiologie: Wie bei den anderen affektiven Störungen handelt es sich bei der Entstehung der manischen Episode um ein multifaktorielles Geschehen. Insbesondere genetische und neurobiologische Faktoren haben eine große Bedeutung:

→ I: Genetische Faktoren: Man geht davon aus, dass die Manie genetisch determiniert ist; so weisen Angehörige 1. Grades ein Risiko von 15-25% auf; die Konkordanzrate bei eineiigen Zwillingen liegt sogar bei 75% der Fälle.

→ II: Neurobiologische Faktoren: Neurochemisch lässt sich während der manischen Episode eine regionale Hyperaktivität des noradrengergen und dopaminergen System, sowie eine verminderte Aktivität des GABA-Systems eruieren.

 

Klinik: Die Manie zeichnet sich durch typische Kardialsymptome aus und unterliegt einer zirkardianen Rhythmik mit massiven klinischen Beschwerden zumeist am Morgen. 

I: Übermutig-euphorische (evtl. aber auch gereizte) Stimmung: Sie ist

 → 1) Gehoben,

 → 2) Ansteckend und

 → 3) Irritierbar d.h. dass die Stimmung schnell z.B. durch das Stoppen des Tatendrangs oder Auftreten von Unannehmlichkeiten in eine gereizte, aggressive Stimmung wechseln kann. 

→ 4) Hierdurch wird sie nochmals in eine 

→ A) Euphorische Manie und eine

→ B) Dysphorische Manie unterteilt.

II: Formale Denkstörungen: Mit raschem, ideenflüchtigem Denken (assoziativ-gelockertes Denken). Das Denken ist unaufhörlich, die Denkziele wechseln aufgrund der erhöhten Ablenkbarkeit. Deshalb wird ein längerer Gedankengang meist nicht beendet; jedoch sind sie (im Vergleich zur Schizophrenie mit zerfahrenem Denken) noch nachvollziehbar.

 

 Klinisch-relevant: Eine Sonderform der Manie stellt die "Verworrene Manie" dar. Hier steht statt der Ideenflucht die Zerfahrenheit des Denkens mit einer Aneinanderreihung nicht zusammengehöriger Gedanken im Vordergrund.

503 Klinische Manifestationstypen der Manie

 

III: Gesteigerter Antrieb/Psychomotorik: Dies äußert sich in einem gesteigerten Rededrang bis zur Logorrhö, Bewegungs- und Tatendrang und einem verminderten Schlafbedürfnis. Zudem kann es zu unsinnigen Einkäufen, Spekulationen und Vertragsabschlüssen bis hin zum finanziellen Ruin kommen.

IV: Weitere Symptome: Sind u.a.:

→ 1) Verlust der sozialen Hemmungen, Distanzlosigkeit mit Aufdringlichkeit, sexuellen Promiskuitäten, etc.

2) Inhaltliche Denkstörungen: Von Selbstüberschätzung bis hin zum Größenwahn.

3) Tollkühnes bis rücksichtsloses Verhalten, gesteigerte Libido, vermindertes Schlafbedürfnis bzw. Schlafstörungen.

→ 4) Psychotische Symptome: Beinhalten überwiegend Größen-, Liebes-, Beziehungs- sowie Verfolgungswahn.

→ 5) Eigen-/Fremdgefährdung: Neben der Fremdgefährdung durch aggressives Verhalten, kann es während der manischen Phasen zur finanzielle Überschuldung, aber auch durch Aggressivität und Antriebsteigerung zu familiären Konflikten und suizidalen Handlungen kommen.

 

 Komorbiditäten: Die Patienten mit Manie weisen einen vermehrten Alkohol- und Drogenkonsum auf.

 

→ Komplikationen:

→ I: Finanzielle Probleme durch Überschuldung,

→ II: Beziehungprobleme, Trennung, Scheidung sowie berufliche Probleme durch Kündigung.

→ III: Straftaten infolge der ausgeprägten Aggressivität.

→ IV: Alkohol und Drogenmissbrauch,

→ V: Gerade zu Ende der manischen Episode besteht häufig eine erhöhtes Suizid-Risiko. 

 

→ Diagnose: Der Begriff der manischen Episode bezieht sich ausschließlich auf das erstmals auftretende Ereignis. Sind bereits in der Vorgeschichte manische und/oder depressive Episoden aufgetreten, spricht man von einer bipolaren affektiven Störung.

→ I: Anamnese: Hierbei stehen vor allem die Fremdanamnese mit Eruierung von Wesenveränderungen, Verhaltensauffälligkeiten, riskante Unternehmungen, etc., aber auch die Autobiographie im Vordergrund.

→ II: Apparative, internistische Untersuchungen zum Ausschluss organischer Erkrankungen sowie Medikamenten- und Drogenscreening.

→ III: Diagnosekriterien der Hypomanie und Manie nach ICD-10:

506 Diagnosekriterien der Hypomanie bzw. Manie nach ICD 10

 

→ Differenzialdiagnose: Von der Manie sind nachfolgende Erkankungen abzugrenzen:

→ I: Neurologische Erkrankungen: Gefäßprozesse, Lues-Infektion, Frontalhirntumoren,

→ II: Psychiatrische Erkrankungen:

→ 1) Alkohol- und Substanzmissbrauch, insbesondere von Kokain/Amphetamin und Cannabis.

→ 2) Vor allem die frontotemporale Demenz,

→ 3) Maniforme Symptome als Prodomi der Schizophrenie bzw. Symptom der hebephrenen Schizophrenie, aber auch schizoaffektive Störungen.

→ 4) Affektive Störungen: Vor allem die anhaltenden affektiven Störungen (= Zykothymia) aber auch die agitierte Depression.

→ 5) Persönlichkeitsstörungen insbesondere die emotional-instabile Persönlichkeitsstörung.

→ III: Somatische Erkrankungen: Hierbei stehen vor allem die Hyperthyreose bzw. die Thyreotoxikose, der Morbus Cushing, etc. im Vordergrund.

→ IV: Medikamentös-induziert: Pharmakogen-toxische Substanzen sind u.a.: 

→ 1) Neurologisch-psychiatrisch: L-Dopa, Bromocriptin, Amantadin, Gabapentin, Psychostimulantien (z.B. Amphetamine, Kokain, etc.), Antidepressiva.

→ 2) Internistisch: ACTH, Kortison, Tuberkulostatika, ACE-Hemmer, etc.

 

→ Therapie: Da bei den manischen Patienten zumeist die Krankheitseinsicht gänzlich fehlt, ist in der Akutsituation aufgrund der Eigen- bzw. Fremdgefährdung eine Unterbringung (mit richterlichem Beschluss) in einer psychiatrischen Klinik (evtl. geschlossene Abteilung) mit weiteren Zwangsmaßnahmen obligat.

→ I: Psychotherapeutische Interventionen:

→ 1) Hierbei bestimmen Interventionen wie die Abschirmung des Patienten von Außenreizen, das " Talking-down" sowie die Psychoedukation der Angehörigen die klinische Akutsituation.

→ 2) Nach Abklingen der Akutphase erfolgt eine stützende Psychotherapie zum Aufbau von Bewältigungshilfen.

→ II: Medikamentöse Interventionen: 

→ 1) Es erfolgt häufig aufgrund der rasch einsetztenden Wirkung die parenterale Applikation eines hochpotenten (klassischen) Antipsychotikums zumeist in Kombination mit einem Benzodiazepin. Als kurz-wirksames Depot-Präparat hat sich Zuclopenthixol etabliert. Alternativ kann ein atypisches Antipsychotikum wie (Quetiapin, Olanzapin oder Riperidon) verabreicht werden.

→ 2) Zur Sedierung des Patienten stehen niederpotente Neuroleptika wie Chlorprothixen in einer Dosis von 200mg/d oder Levomepromazin (200mg/d) zur Verfügung.

→ 3) In der Langzeittherapie der Manie haben sich zur Phasenprophylaxe (= Phasenstabilisierer) insbesondere nachfolgende Medikamente bewährt:

→ A) Lithium: In einer Dosierung von 15-30mmol/d. Die antimanische Wirkung setzt erst nach Tagen mit Erreichen des therapeutischen Plasmasiegels (von 0,8-1,2mmol/l) ein.

→ B) Valproat: Initial in einer Dosierung von 250mg/d und einer Dosissteigerung auf 750-120mg/d in einem Zeitraum von 3 Tagen.

→ C) Carbamazepin: Weist eine gute Verträglichkeit auf. Initiale Dosis von 200-400mg/d mit täglicher Dosissteigerung von 100-200mg bis zum Erreichen des Serumspiegels von 6-12mg/l (mittlere Tagesdosis liegt zwischen 800-2000mg/d); der antimanische Effekt setzt nach 2-4 Tagen ein. Insbesondere Patienten mit schwerer psychotischer oder dysphorischer Symptomatik respondieren auf Carbamazepin besser als auf Lithium.

 

→ Prognose:

→ I: Manien können sich langsam progredient nach langen hypomanen Vorstadien oder akut innerhalb weniger Tage entfalten und weise zumeist eine Dauer von wenigen Tagen bis selten einigen Wochen bis Monaten auf.

→ II: In der Regel kommt es zum vollständigen Abklingen (= restitutio ad integrum) der akuten manischen Episode; gelegentlich kann sich eine depressive Nachschwankung ausbilden. In > 70% der Fällen entwickelt sich eine bioplare affektive Störung.

→ III: Zumeist ist wie bei den anderen affektiven Störungen mit einer weiteren Krankheitsphase zu rechnen (eine einmalige manische Episode ist sehr selten; binne 2 Jahren besteht eine 50%ige Rezidivwahrscheinlichkeit bei Patienten ohne Rezidivprophylaxe). Das Krankheitsintervall ist jedoch mit einer mittleren Phasendauer von 1-2 Monaten deutlich kürzer als bei der unipolaren Depression. Sie kann sowohl plötzlich, innerhalb weniger Tage, aber auch nach einem langen hypomanischen Vorstadium entstehen.

→ IV: Häufig entwickeln sich im Rahmen der manischen Episode berufliche, finanzielle und soziale Probleme, insbesondere infolge von Straftaten, Selbstüberschätzung und Größenwahn bei fehlender Krankheitseinsicht.