Anankastische Persönlichkeitsstörung / Zwanghafte Persönlichkeitsstörung

Definition: 

→ I: Die anankastische Persönlichkeitsstörung ist durch die Persistenz von Grundlichkeit, Genauigkeit und Perfektionismus in der Ausführung aller Tätigkeiten, sowie durch eine Starrheit im Denken und Handeln charakterisiert.

→ II: Sie gehört nach DSM-IV neben der selbstunsicheren - , der dependenten - und der passiv-aggressiven PS zum Cluster C.

 

Epidemiologie:  Die Prävalenz für die Entwicklung einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung liegt in der Normalbevölkerung bei 2-3%. Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen.

 

Ätiologie:

→ I: Psychodynamische Sicht:

→ 1) Hierbei stehen Insuffizienzerleben und Verdrängung nicht-konformer, aggressiver Gedanken und Impulse im Vordergrund. Durch den Abwehrmechanismus der Reaktionsbildung werden die Gedanken und Impulse ins Gegenteil also in normkonforme Verhaltensweisen umgewandelt.

 → 2) Des Weiteren kann eine übermäßige Reinlichkeitserziehung während der analen Phase für die Ausbildung der anankastischen PS mitverursachend sein.

II: Lerntheoretisch Sicht: Charakteristischerweise manifestiert sich in der Autobiographie der Betreffenden eine gering ausgebildete Selbstachtung und ein rigider Erziehungsstil (geprägt von Bestrafungen), der alle autonomen Handlungsversuche durch die Bezugspersonen unterbindet und bestraft. Folge ist eine übermäßige Orientierung des Kindes an Regeln und Normen.

 

Klinik: Wichtige Charakteristika die Persönlichkeitsstörung sind u.a. übertrieben Ordnungsliebe, Gewissenhaftigkeit und nicht zuletzt Pedanterie.

→ I: Übermäßige Gewissenhaftigkeit und Perfektionismus, aber auch Unflexibilität und Rigidität bestimmen das Denken und Handeln.

→ II: Sie demonstrieren gegenüber höhergestellten Personen eine eher unterwürfig -, jedoch untergeordneten -  eine eher autoritäre und rigide Haltung. 

III: Durch den Perfektionismus verlieren sich die Patienten oft im Detail und behindern somit die Fertigstellung bestehender Aufgaben.

IV: Orientieren sich ausschließlich an Normen, Gesetzen und Regeln usw.

V: Dichotomes Denkmuster: Es wird alles in die Kategorie „ Richtig“ oder „Falsch“  bzw. „ Weiß“ oder „ Schwarz“ eingeordnet.

VI: Die Betroffenen vernachlässigen aufgrund der dauerhaften Leistungsbezogenheit zwischenmenschliche Beziehungen und ihre eigene Freizeit. 

VII: Viele neigen zu übertriebener Sparsamkeit bis hin zum Geiz.

→ VII: Weitere Charakterzüge: Sind u.a.:

→ 1) Mangelnde Fähigkeit, Gefühle auszudrücken,

→ 2) Übermäßige innere Unsicherheit und Zweifel,  

→ 3) Bedürfniss nach ständiger Kontrolle.

 

Komorbiditäten: Bei der anankastischen Persönlichkeitsstörung zeigt sich ein vermehrtes Auftreten von:

→ I: Depressiven Episonden,

→ II: Angst- und Zwangsstörungen sowie

→ III: Somatoformen Störungen.

 

Diagnose:  Es müssen mindestens 4 der nachfolgenden Diagnosekriterien zutreffen:

I: Starkes Gefühl des inneren Zweifels und der übermäßigen Vorsicht.

II: Übermäßige Beschäftigung mit Details, Gesetzen, Ordnungen, Listen und Organisationen, etc.

III: Perfektionismus mit Behinderung der Fertigstellung von Aufgaben.

IV: Übermäßige Leistungsbezogenheit mit Verzicht auf Freizeit und zwischenmenschlichen Kontakten.

V: Gewissenhaftigkeit 

VI: Rigidität und Eigensinn

VII: Übertriebenes Bestehen, dass sich andere den eigenen Gewohnheiten unterordnen.  

572 Diagnosekriterien der anankastischen Persönlichkeitsstörung nach ICD 10

 

Differenzialdiagnose: Sie ist abzugrenzen von:

I: Zwangsstörungen (Wichtige Unterscheidung zur zwanghaften PS ist, dass diese ihre Handlungen als ich-stimmig = ich-synthon erlebt werden, während den Patienten mit Zwangsstörungen die Sinnlosigkeit der Handlungen kar ist). 

→ II: Anankasische Depression,

→ III: Zwangssymptome bei der Schizophrenie

IV: Hirnorganische Erkrankungen, wie die vaskuläre Demenz, Morbus Parkinson etc., können auch zwanghafte Charakterzüge aufweisen.

 

  Therapie:

 I: Psychotherapie: 

→ 1) Psychoeduktion,

→ 2) Stützende Gesprächstherapie, um aktuelle situative Probleme zu bearbeiten.

→ 3) Kognitive Verhaltenstherapie: Es werden dysfunktionale Kognitionen (Grundannahme: "Ich darf die Kontrolle nicht verlieren") identifiziert und die dazugehörigen Emotionen (wie Wut, Angst, Hilflosigkeit, etc.) aktiviert. Ziel ist es, die Kontrollinstanz des Patienten, infolge einer kritiklosen Übernahme elterlicher Normen als "infantile Überlebensstrategie" herauszukristallisieren und sie im weiteren Therapieverlauf zu modifizieren (A.T. Beck). 

→ 4) Entspannungstherapie mit z.B. autogenem Training oder der progressiven Muskelrelaxation.

→ 5) Evtl. kann eine klassische Psychoanalyse durchgeführt werden.

 6) Die Einbeziehung des Partners oder weiterer Familienangehöriger kann hilfreich sein.

→ II: Medikamentöse Therapie: Eine begleitende medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva vom SSRI-Typ kann supportiv versucht werden.

 

→ Prognose: Gerade die zwanghafte Persönlichkeitsstörung neigt zur Verfestigung und Chronifizierung.