Dissoziale (antisoziale) Persönlichkeitsstörung

Hauptkategorie: Persönlichkeitsstörungen
Kategorie: Subtypen der Persönlichkeitsstörungen
Zuletzt aktualisiert am Freitag, 03. April 2020 17:26
Veröffentlicht am Montag, 05. Juni 2017 13:32
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  Definition: 

→ I: Die dissoziale Persönlichkeitsstörung ist gekennzeichnet durch ein verantwortungsloses und antisoziales Verhalten, das sich in der Kindheit bzw. jungen Adoleszenz ausbildet und bis ins Erwachsenenalter erhalten bleibt. Ein weiteres Charakteristikum ist das Missachten von gesellschaftlichen Normen und Gesetzen.

→ II: Die dissoziale PS gehört nach DSM-IV neben der histrionischen - , narzisstische - und Borderline-Persönlichkeitsstörung zum Cluster B.

 

Epidemiologie: In der Normalbevölkerung sind: 

I:  Männer sind in 3-7% betroffen; in Gefängnissen und Suchtbehandlungseinrichtungen ist die Prävalenz deutlich höher. 

II: bei Frauen liegt die Prävalenz für eine dissoziale Persönlichkeitsstörung bei 1-2%.

→ III: Am häufigsten findet man die Störung in den unteren Bevölkerungsschichten.

 

Klinisch-relevant: Kriminalität ist keine notwendige Vorraussetzung für die Diagnose der dissozialen Persönlichkeitsstörungen, vielmehr kann man diese auch im Bereich sozial angepasster, erfolgreicher Personen finden.

 

Ätiologie:

→ I: Genetische Faktoren: Zwillingsstudien weisen eine Konkordanzrate von 50-60% auf. Häufig findet man pränatale oder perinatale Komplikation sowie Suchterkrankungen der Mutter.

→ II: Neurobiologische Faktoren: Es zeigt sich eine serotonerge Minderfunktion, die mit vermehrter Risikobereitschaft, Impulsivität und fehlender Angst einhergeht. Zudem ist eine Transmitterdysregulation im Temporallappenbereich und der präfrontalen Kortex nachweisbar.

III: Lerntheoretisch: Häufig zeigt sich bei Patienten mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung eine Vernachlässigung durch die Eltern und eine entsprechende Zuwendung zu sogenannten "Peergroups",die bei der Entstehung maßgeblich beteiligt sind.

→ IV: Weitere Faktoren:

→ 1) Sozialisationseinflüsse wie früher Vaterverlust, häusliche Gewalt, "Broken-home" Situation oder Heimerziehung.  

→ 2) Prädispositionen sind u.a. auch präpubertäre Aufmerksamkeitsstörungen und das hyperkinetische Syndrom.

 

Klinik:

→ I: Gekennzeichnet durch die Unfähigkeit, sich der Gesellschaft und deren Normen, Gesetzen und Regeln anzupassen.

1) Dies kann sich in Form von Kriminalität und Verbrechen äußern.

2) Aber auch verdeckt sein und die Personen sind manipulativ, bedrügerisch und lügen.

II: Mangel an Empathie, Schuldgefühl und Verantwortungsgefühl.

III: Impulsivität mit geringer Frustrationstoleranz und niedriger Schwelle für Aggressivität und Gewalt.

IV: Rasch wechselnde Beziehungen. Bezugspersonen werden enttäuscht, verletzt und manipuliert.

V: Unfähigkeit, aus den negativen Konsequenzendes Verhaltens zu lernen.

VI: Hohe Risikobereitschaft und fehlende Entwicklung von Angst. Ab der 2. Lebenshälfte deutliche Stabilisierung der Lebensverhältnisse.

 

Komorbidität:

→ I: In bis zu 30% ist ein Substanzenmissbrauch (gerade Alkoholabhängigkeit) und/oder Suchterkrankungen nachweisbar.

→ II: Depressive Störungen zumeist aus Langeweile und innerer Leere bis hin zur Suizidalität können sich manifestieren.

III: Weitere Persönlichkeitsstörungen, wie die Borderline-, die unsichere - bzw. histrionische PS.

IV: Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom.

 

Diagnose: Mindestens 3 der folgenden Kriterien müssen zutreffen: 

I: Unfähigkeit, Empathie gegenüber anderen aufzubauen.

II: Verantwortungslose Haltung bezüglich Regeln, Normen und Gesetzen.

III: Geringe Frustrationstoleranz mit niedriger Schwelle für Gewalt und Aggressionen.

IV: Fehlendes Schuldgefühl und Unfähigkeit, aus den negativen Konsequenzen zu lernen.

V: Neigung, andere für das eigenen Verhalten verantwortlich zu machen.

VI: Unfähigkeit, dauerhafte Beziehungen einzugehen.

→ VII: Die Diagnose wird erst nach dem 18. Lebensjahr gestellt; zudem müssen die spezifischen Verhaltensauffälligkeiten schon vor dem 15. Lebensjahr bestanden haben.

638 Diagnosekriterien der dissozialen Persönlichkeitsstörung nach ICD 10

 

Differenzialdiagnose: In Abgrenzung zu der primären dissozialen Persönlichkeitsstörung, kann sich eine solche Störung auch sekundär im Rahmen einer zerebralen Läsion (= posttraumatisch) entwickeln.

→ I: Differenzialdiagnostischer Ausschluss der narzisstischen PS, Borderline-PS und der histrionischen Persönlichkeitsstörung.

→ II: Chronische Medikamenten-, Drogen- oder Alkoholabhängigkeit.

→ III: Frühkindliche Hirnschädigung oder mögliche Intelligenzminderung,

→ IV: Des Weiteren muss differenzialdiagnostisch die Schizophrenie ausgeschlossen werden. 

 

  Therapie: Die Therapie dissozialer Persönlichkeitsstörung erweist sich meist als sehr kompliziert, da sie die Schuld ihres Verhaltens bei anderen suchen und die Therapie häufig nicht aus Eigenmotivation, sondern vielmehr fremdbestimmt aufgrund von gerichtlichen Auflagen eingehen.

I: Psychotherapie:

→ 1) Psychotherapie  mit  vielen psychoedukativen und unterstützenden Komponenten.

→ 2) Um eine erfolgreiche Behandlung dissozialer Krimineller zu erreichen, müssen nach Fiedler folgende Therapie-Module bearbeitet werden:

→ A) Systemische Einübung einer selbstkontrollierten Rückfallprävention durch Identifiktion der Triggermechansimen für aggressives Verhalten und Erlernen alternativen Verhaltens.

→ B) Training sozialer Kompentenz zum Aufbau von zwischenmenschlichen Beziehungen.

→ C) Erlernen eines angemessen Umgangs mit Gefühlen, Ärger, Wut und Impulsivität.

→ D) Wahrnehmen von Stresssituationen und emotionalen Belastungen.

→ E) Aufbau und Entwicklung einer Opferempathie.

→ F) Völliger Bruch mit den kriminellen Milieu.

→ 3) Weitere Maßnahmen: Sind: 

→ A) Verbesserung der Spannungstoleranz und der Aufmerksamkeitsfokussierung.

→ B) Aufbau von Empathie und Mitgefühl und eine angemessene soziale Autonomie.

→ II: Medikamentöse Therapie: Eine medikamentöse Behandlung mit Phasenprophylaktika oder SSRI kann versucht werden. 

 

Prognose:

→ I: Zumeist zeigt die dissoziale Persönlichkeitsstörung einen chronischen Krankheitsverlauf auf, evtl. kann es jedoch in der 4.-5. Lebensdekade zur Stabilisierung des Verhaltens kommen.

→ II: Prognostisch günstig erweist sich eine dauerhafte Distanz zum Drogen- und kriminellen Milieu.