Abnorme Gewohnheiten / Störungen der Impulskontrolle- Allgemein

Hauptkategorie: Psychiatrie
Kategorie: Abnorme Gewohnheiten / Störung der Impulskontrolle
Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 12. Dezember 2019 13:23
Veröffentlicht am Dienstag, 06. Juni 2017 20:14
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Definition:

→ I: Bei den Störungen der Impulskontrolle und abnormen Gewohnheiten handelt es sich um eine heterogene Gruppe von Störungen, bei denen es infolge von bestimmten unkontrollierbaren Impulse zu wiederholten Handlungen kommt.

→ II: Charakteristikum ist, dass das hieraus resultierende Verhalten die eigene Person und andere schädigt.

→ III: Nach ICD-10 gehören zu den Impulskontrollstörungen insbesondere:

→ 1) Pathologisches Stehlen,

→ 2) Pathologisches Spielen,

→ 3) Pathologische Brandstiftung und

→ 4) Die Trichotillomanie.

 

Klinisch-relevant: Nachfolgende Kriterien sind für die Diagnose der Impulskontrollstörung von großer Bedeutung:

633 Wichtige Kriterien für die Diagnosestellung der Impulskontrollstörung

 

  Epidemiologie:

→ I: Bis heute existieren noch keine validen Daten über die Prävalenz der Impulskontrollstörung (es wird eine Prävalenz von 0,1-3,4% angenommen).

→ II: Die Impulskontrollstörungen manifestieren sich zumeist in der Adoleszenz, ausgenommen die Trichotillomanie, die schon im Kindesalter beginnt.

→ III: Die häufigste Impulskontrollstörung stellt das pathologische Spielen mit einer Häufigkeit von 1-3% dar. So liegt die Behandlungsbedürftigkeit von Glücksspielern in Deutschland bei ca. 100000, wobei insbesondere das männliche Geschlecht betroffen ist.

→ IV: Die anderen Impulskontrollstörungen treten deutlich seltener auf.

→ V: Vor allem die Kleptomanie und Trichotillomanie sind Störungen, die das weibliche Geschlecht betreffen.

 

Ätiopathogenese:

→ I: Die Entwicklung der Impulskontrollstörung beruht auf einer multifaktoriellen Genese, bei der neurobiologische und psychosoziale Faktoren einer große Bedeutung haben.

→ II: Psychosoziale Faktoren: Rezidivierende Traumatisierungserfahrungen, ein Erziehungsstil, bei dem Hemmungs- und Kontrollmechanismen unzureichend vermittelt wurden sowie familiäre Interaktionen, die durch Desorganisiertheit, Feindseligkeit und Gewalt geprägt sind, spielen eine zentrale Rolle bei der Genese von Impulskontrollstörungen,

→ III: Neurobiologische Faktoren: Hierzu zählen v.a.:

→ 1) Die verhaltensverstärkenden Mechanismen aktivieren/steigern das dopaminerge Belohnungssystem des Nucleus acumbens. Aber auch genetische Veränderungen mit Polymorphismen des serotoninergen, dopaminergen (D4-Rezeptoren) und noradrengen Systems gelten als wichtige Risikofaktoren..

→ 2) Des Weiteren werden Funktionsstörungen im Bereich der frontotemporalen Hirnregion diskutiert.

→ IV: Persönlichkeitsstruktur: Die Betroffenen neigen dazu, Reize zu suchen, um keine Langeweile entstehen zu lassen im Sinne des „Sensation-Seeking“.

634 Interaktion zwischen Affektdysfunktion und Impulshandlung

 

  Klinisch-relevant: Heutzutage wird bei den Impulskontrollstörungen ein enger Zusammenhang mit dem Belohnungssystem gesehen. Gestützt wird die Hypothese durch das „ Dopamine-Dysregulation-Syndrome“ unter dopaminerger Therapie bei Parkinson Patienten. Die Betroffenen entwickeln unter Dopamin-Applikation ein süchtiges Verhalten mit steigenden Dosen, sowie stereotype Verhaltensweisen wie Sammeln und Sortieren, aber auch Impulskontrollstörungen wie pathologisches Spielen, unkontrollierbares Einkaufen und Hypersexualität, etc.

 

Klinik:

→ I: Bei allen Formen der Impulskontrollstörung sind die Betroffenen nicht in der Lage, dem Handlungsimpuls trotz negativer psychosozialer Folgen Widerstand zu leisten; eine vernünftige Motivation für die Tat ist nicht zu erkennen.

→ II: Generell besteht vor der Handlung ein Gefühl der Erregung und wachsenden Anspannung.

→ III: Während der Tat oder direkt im Anschluss empfinden die Betroffenen Euphorie, Lust und Erleichterung, jedoch ist kein objektivierbarer Nutzen erkennbar.

→ IV: Nach der Tat weisen viele Patienten Reue und Schamgefühl auf.

 

Komorbiditäten: Impulskontrollstörungen sind häufig mit weiteren psychischen Störungen vergesellschaftet. Hierzu zählen vor allem:

→ I: Pathologisches Spielen: Ist häufig assoziiert mit:

→ 1) ADHS (= Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung),

→ 2) Affektive Störungen

→ 3) Persönlichkeitsstörungen, insbesondere die dissoziale -, narzisstische - und emotional-instabile PS und nicht zuletzt die

→ 4) Substanzgebundene Suchterkrankungen.

→ II: Pyromanie: Es finden sich u.a.:

→ 1) ADHS,

→ 2) Neuologische Defizite,

→ 3) Lernschwierigkeiten etc.

III: Kleptomanie: Sie sind insbesondere mit:

1) Depressive Störungen,

→ 2) Essstörungeninsbesondere die Bulimia nervosa,

→ 3) Angststörungen und

→ 4) Persönlichkeitsstörungen assoziiert.

→ IV: Trichotillomanie: Hierbei findet man häufig weitere psychische Störungen wie:

→ 1) Zwangsstörungen,

→ 2) Angststörungen,

→ 3) Affektive Störungen,

→ 4) Essstörungen, etc.

 

Diagnose:

→ I: Bei der Diagnosestellung der Impulskontrollstörung steht gerade bei der Eigenanamnese der charakteristische Ablauf der Impulshandlung im Vordergrund. Hierbei ist vor allem auf:

→ 1) Gefühle vor der Handlung (zunehmende Erregung und Anspannung, fehlendes Motiv).

→ 2) Während bzw. direkt im Anschluss an die Tat (z.B. Euphorie, Lust, Erleichterung, Spannungsabbau) sowie

→ 3) Den nicht-erkennbaren Nutzen aus der Handlung und die anschließende Reue und Scham zu achten.

II: Des Weiteren stehen die Auslösemechanismen (z.B. mögliche Stresssituationen) des psychopathologischen Verhaltens und die psychosoziale Situation des Betroffenen im Fokus.

 

Differenzialdiagnose: Die Impulskontrollstörung muss zum einen von vorsätzlichen Verhaltensweisen (z.B. Diebstahl zur eigenen Bereicherung) und weiteren psychiatrischen Erkrankungen, die mit dem Symptom der Impulskontrollstörung einhergehen, abgegrenzt werden:

→ I: Demenz und weitere organische Störungen, die mit Verwirrtheitszuständen assoziiert sind (Diebstahl, da das Bezahlen vergessen wurde).

→ II: Schizophrenie: Brandstiftung aufgrund von Wahnideen oder akustischen Halluzinationen.

→ III: Manie: Exzessives Spielen im Rahmen einer manischen Episode.

→ IV: Zwangsstörungen: Sie werden als primär unangenehm empfunden.

 

Therapie: Im Vordergrund der Behandlung von Impulskontrollstörungen stehen vor allem die:

→ I: Kognitive Verhaltenstherapie: Mit nachfolgenden Methoden:

→ 1) Verhaltenstherapie im Sinne der kognitiven Umstruktuierung (A.T. Beck).

→ 2) Erlernen von Stimuluskontrolle, Stressbewältigungsstrategien.

→ 4) Training sozialer Kompetenz, aber auch Behandlungsinterventionen wie

→ 5) Systemische Desensibilisierung und Expositionstherapie.

→ 6) Eine weitere wichtige Rollen spielen die Psychoedukation (bei der die Betroffenen über die Psychopathologie aufgeklärt werden), Soziotherapie (durch Miteinbeziehung der Angehörigen, Partnern, aber auch Banken und Schuldnerberater) und die Selbsthilfegruppen.

635 WIchtige Behandlungsstrategien bei der Impulskontrollstörung

 

Klinisch-relevant: Bei der Spielsucht erfolgt die Behandlung in Anlehnung an die Suchttherapie (= Behandlungsstrategien der Sucht) mit dem Ziel der vollständigen Abstinenz. Ihre Behandlungsstrategie beruht auf 3 Säulen, nämlich der

A) Kontakt- und Motivationsphase,

→ B) Eigentlichen Entwöhnungs- und schließlich der

→ C) Nachsorgephase.

 

→ II: Medikamentöse Therapie: (Bedingt wirksam): 

1) Sie werden v.a. unterstützend zur Psychotherapie eingesetzt, bedürfen aber einer deutlich höheren Dosierung und längeren Behandlungsdauer als bei der depressiven Episode. Typisch sind insbesondere Antidepressiva vom SSRI-Typ wie Citalopram oder Paroxetin etabliert.

→ 2) Clomipramin, (evtl. Lithium, Phasenprophylaktikum) ein trizyklisches Antidepressivum, hat sich bei der Behandlung der Spielsucht als wirksam gezeigt und kann auch als Pharmakon bei der Trichotillomanie appliziert werden.

 

Prognose:

→ I: Insgesamt weisen die Impulskontrollstörungen einen chronifizierten Verlauf auf.

II: Gerade das pathologische Spielen und die Kleptomanie haben Tendenzen zur Persistenz.

III: Die Pyromanie zeigt eher einen episodischen Verlauf mit symptomfreien Intervallen über eine längere Zeit auf.